Literaturzeitungen

Du sollst nicht Ehebrechen
erschienen im Literturmagazin kaschemme.de, 2024

Als die Glocke siebenmal geschlagen hatte, zog Herr Schneider seine Hose an, knöpfte das Hemd zu und schnürte die Senkel seiner Schuhe.

Frau Wiener blieb noch liegen um später ihre Frisur zurichten. So konnte sie unmöglich auf die Straße gehen.
Nicht nur dass ihr Mann auf Gedanken kommen würde, wenn er das Chaos ihrer Haare richtig deutete, auch die Frau von Herrn Winter könnte eine Affäre von Frau Wiener vermuten.
Und Frau Winter war bekannt dafür, dass sie an Türen horchte und durch Schlüssellöcher guckte.
Allerdings wurde Frau Winter, bevor sie die Möglichkeit hatte, die zerzausten Haare von Frau Wiener zu bemerken, wenn diese ihre Frisur nicht sowieso geordnet hätte, von einem Lastwagen überfahren. Vor ihrem Haus.
Der Fahrer war betrunken und versuchte noch, zu entkommen.
Die Polizei konnte den Lenker des LKWs wenige Straßen vom Unfallort entfernt stoppen. Sie nahmen ihm den Führerschein ab.
Wenig später öffnete Frau Wiener ihrem Mann die Tür und nahm ihm Hut und Mantel ab.
Der schreckliche Unfall vor ihrem Haus war das Gesprächsthema beim Abendessen.
Nach dem Pastor Wiener die akkurate Frisur seiner Gattin bewundert hatte, zog er sich in sein Arbeitszimmer zurück, zündete sich eine Zigarre an und bereitete bei einem Glas französischem Cognac die Predigt für den sonntäglichen Gottesdienst vor. Thema: Du sollst nicht Ehebrechen.

Man wird nicht jünger
erschienen im Dichtungsring, Zeitschrift für Literatur dichtungsring.org, 2023

Grashüpfers Freund
erschienen im Literaturmagazin kaschemme.de, 2022

Photo by Boris Smokrovic

Photo by Boris Smokrovic

„Warum starren Sie so penetrant auf meine Schuhe?“
„Ein Grashüpfer sitzt auf ihrem Rechten.“
Ich wollte nicht zugeben, dass ich die Schuhe der Dame betrachtet hatte. Was macht das auch für einen Eindruck, auf einem Deich stehend einer völlig unbekannten Frau ins Gesicht zu sagen, das man ihre Schuhe unmöglich findet.

„Woher kennen Sie diesen Grashüpfer?“, schlussfolgerte die Dame unberechtigterweise, dass ich das kleine, grüne, hüpfende Ding kannte.
„Ich sehe ihn heute zum ersten Mal“, stellte ich richtig.
„Aber er scheint Sie zu kennen.“
Ich konnte nicht abstreiten, dass das Grinsen des Insekts eine Nähe zu mir nahelegte. Das Tier erweckte schon den Eindruck, als ob wir gute Freunde wären.
Dem war aber wirklich nicht so.
Ich versuchte der Dame klarzumachen, dass ich bis zu dieser Begegnung auf dem Deich mit ihr noch nie einen grinsenden Grashüpfer getroffen hatte. Noch dazu einen, der auf Schuhen von fremden Frauen saß.
„Also ich weiß nicht. Ich bekomme langsam den Eindruck, als ob Sie mich anmachen wollen.“
Die Dame war misstrauisch.
Der heiße Grog und einige Geschichten aus meinem doch recht amüsantem Leben, ließ Magdalena schnell unser erstes unglückliches Zusammentreffen, oben am Deich, vergessen.
Dass ich ihre Schuhe nicht mochte, habe ich ihr nicht erzählt.
Sie hatte noch viele andere schöne Schuhe.

Gedicht über deine Tante
Sterz, Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kulturpolitik,
A-8010 Graz, Dezember 2013

www.sterzschrift.at

Schwer verdaulich
erschienen im Literaturmagazin kaschemme.de, 2011

Es war natürlich nicht meine Schuld, dass dem Herrn, der gerade aus dem Lokal auf die Straße getreten war, der Ziegelstein auf den Kopf fiel. Auch wenn ich „Vorsicht!“ gerufen hätte: Der Mann war so mit dem verdauen des Eisbeins beschäftigt, das mit Erbsen- und Kartoffelpüree serviert wird und das er gerade zuvor mit einem halben Liter Bier verzehrt hatte, dass er auf mein Rufen gar nicht reagiert hätte.

Das Eisbein für den Unfall verantwortlich zu machen konnte der Herr auch nicht. Schon eher den Maurer. Aber dieser war bereits tot. Er hatte einen Arbeitsunfall. Ein Ziegelstein ist ihm auf den Kopf gefallen. Von einem Kollegen über ihm fallengelassen. Ein typischer Arbeitsunfall.

Aber das Eisbein hat sehr gut geschmeckt. Ich habe mich persönlich überzeugt. Ein Ziegelstein ist mir anschließend nicht auf den Kopf gefallen.

Kopflos
erschienen im Literaturmagazin kaschemme.de, 2011

Hätte die Dame ihren Kopf nicht so weit aus dem Oberlichtfenster herausgestreckt und hätte ein Signal eines Signalmastes in diesem Moment nicht auf Grün gestanden, so dass es die rasante Fahrt des zwölfuhrdreinundzwanziger Regionalzugs nicht unterbrechen konnte, müssten sich die drei Damen im Café „Lilienthal“ keine neue vierte Frau für ihr donnerstägliches Doppelkopfspiel suchen.

„Dass sie auch immer so neugierig sein musste“, schüttelte eine Dame der Kartenspielrunde bei der Überbringung der schlechten Nachricht durch einen Bekannten, der im Ort wohnte und denselben Zwölfuhreinundzwanziger genommen hatte, den Kopf. Die zweite Dame wusste zu berichten, dass die aus der  Doppelkopfrunde ausgeschiedene Kartenspielerin schon einmal beinahe durch ihre Neugierde zu Tode gekommen war: „Auf dem Rummelplatz wurde ein Kinderkarussell aufgestellt und sie hat, weil sie unbedingt sehen musste, wie es unter den Fahrrädern, der Lokomotive, dem Polizeiwagen und den anderen Fahrzeugen, die sich im Kreise auf der Platte drehen, aussieht, sich in große Gefahr gebracht. Eine Luke, von den Monteuren nicht verschlossen, bot sich ihr als Gelegenheit, den Kopf hineinzustecken. Da setzte sich das Karussell in Gang und einer von den Monteuren zog ihren Kopf in allerletzter Minute aus der Luke.“

„Zu schade“, seufzte die dritte Dame, die bisher noch nichts gesagt hatte, und mischte das Kartenspiel, „dass heute Mittag keiner von den Monteuren im Zug anwesend war.“

Zuchterfolge
erschienen im Literaturmagazin kaschemme.de

Ich züchte meine eigenen Knopflöcher. Die passenden Knöpfe beziehe ich beim Züchter nebenan. Er kreuzt Horn mit Bronze. Eine interessante Mischung, aber auch nicht ganz einfach zu halten. Horn kann mitunter sehr eigensinnig sein. Und Bronze ist sehr anspruchsvoll. Deshalb sind solche Züchtungen auch nicht ganz billig.

Meine Knopflöcher sind im Vergleich eher pflegeleicht. Bis auf ein paar Zänkereien leben sie recht harmonisch zusammen. Ich muss noch erwähnen, dass ich nur Amateurzüchter bin. Nur für den Hausgebrauch. Die Konkurrenz aus dem Fernen Osten ist doch sehr groß. Neuerdings drängen sogar die Grönländer auf dem Markt. Da bleibt naturgemäß die Qualität auf der Strecke.

Und es geht doch nichts über selbst gezüchtete Knopflöcher.

Endstation
erschienen im Literaturmagazin kaschemme.de

Alter Mann mit Regenschirm haßt Kinder mit Erdbeereismund. Schwarzbestrumpfte Frau raucht leicht. Orangefarbener Overall fegt die Freiheit weg. Er sah sie nur erstaunt an als sie ihm die Wahrheit wie ein Messer in sein Herz stach. „Zurück bleiben!“ blökte die Stimme.

Die Türen schlugen zu, als seine Welt zusammen brach. Die Gleichgültigleit trifft die Arroganz: “Lang nicht gesehen müssen mal telefonieren!” Geile Augen hängen an schwarzen Strümpfen. Schlanke Finger gleiten in fremde Taschen. Der Zug diente ihr zur Flucht, sie entzog sich seinen Tränen. Ich rauche gern, versicherte das Plakat. Ein paar Kinderaugen starrten ihn an. Der Bahnsteig war peinlich berührt. Frischer Atem aus dem Automat. Touristen verlieren sich in Stadtplänen. “Wasbinichcool” Kaugummiblasen zerplatzen. Wolldecke, Bierdosen, Plastiktütenzuhause. Nadelstreifenhandyman: Führerscheinentzug. Er dachte an den Bausparvertrag und an den kreischenden Tod,für den er eine Fahrkarte gelöst hatte. Der Boden unter seinen Füßen schwankte und seine Gedanken waren bei ihr. Er stolperte über eine Bodenplatte.

300.000 Lichtjahre
erschienen im Literaturmagazin kaschemme.de

Dreihunderttausend Lichtjahre von meinem Bett zu ihren roten Haaren. In die irgend ein Kerl seine Hände gräbt, ich werde ein Bild von ihr malen. Wie sie da liegt und nach Luft schnappt, kleine Schweißperlen an Härchen hängen bleiben. Sie glaubt, so kann sie mich vergessen, ich werd ein Gedicht darüber schreiben.

Wie sie mit der Zigarette ein Loch ins fremde Laken brennt und mit der Fernbedienung die Verdrängung einschaltet. Doch aus der Dusche singt unüberhörbar die Erinnerung, die der kleine Buchhalter im Gehirn verwaltet. Und das geschieht ihr ganz recht, dass sie bereut, während sie das Zimmer nach ihrem Schlüpfer absucht und dabei ihre roten Haare an der Kerze auf der Erde versengt. Ja ja ja, ich kann sie hören wie sie flucht. Und das kann sie gut. Und lieben kann sie, wie keine andere.

Aussage
erschienen im Literaturmagazin kaschemme.de

Als er mit seinem blutenden Schädel in der Tür stand, dachte ich zuerst er kommt direkt aus dem Himmel und ein Engel wartete draußen im Taxi und die Zeit läuft gegen ihn und mich und wir haben bloß noch ein paar Minuten, um uns zu verabschieden. Doch es war nicht sein Blut, das meinen gerade, frisch abgezogenen und lackierten Fußboden versaute.

Es war ihr Blut. Sie kam von Amsterdam und hat seinen faulen Hintern, aus seinen dicken, verdammt bequemen, braunen Ledersessel gerissen und hat ihn durch die ganze Stadt geschleift, bis er nicht mehr wusste wo ihm der Kopf stand. Und er war glücklich wie noch nie in seinem Leben. Ja gut, sie war nicht einfach und leicht zu verstehen, sie konnte einem ganz gewaltig auf die Nerven gehen und dass sie mich ein versoffenes, arrogantes, altes Arschloch nannte, hab ich ihr schon ein bisschen übel genommen. Doch was soll´s, sie war schon eine tolle Frau. Und mit dem Trinken hab ich schon ein kleines Problem. Schuld war nur dieser verflucht heiße Sommer, in dieser beschissenen Stadt wo jeder Schritt in einem Hundehaufen endet und wenn dich dann auch noch die Frau verlässt, die du liebst und deine letzten Träume mitnimmt und nichts als ein riesengroßes Fragezeichen in deinem Kopf hinterlässt, dann kann man schon mal durchdrehen. Herr Kommissar.

Blick in die Welt
Kurzgeschichte. Dichtungsring 39, Bonn, 11/2010

zum PDF

Made in Germany
Kurzgeschichte. Maulkorb 7 als Doppelausgabe mit der El Vau / LOST VOICES von Marc Mrosk. Dresden, 11/2010